Entweihnachten

Das Weihnachtsschnickeldi ist ordentlich wieder in Kisten und Kästen verpackt und im Regal in der Halle verstaut. Und weil ich dieses Jahr besonders streberhaft bin, sind die Lichterketten auf leere Klopapierrollen gewickelt. Die noch streberhaftere Tochter hat die defekten Lämpchen mit Maskingtape markiert, so dass sie leicht ausgetauscht werden können, der organisierte Gatte hat direkt neue bestellt. Wir sind für die nächste Weihnachtszeit gerüstet!

Vor ein paar Jahren habe ich übrigens beschlossen, dass wir nun genug Weihnachtsschnickeldi besitzen und ich wirklich, wirklich nichts Neues mehr kaufen muss. Diesen Entschluss habe ich beinahe gut eingehalten, denn unglücklicherweise werde ich schon ab August den allerschlimmsten Verführungsversuchen ausgesetzt! Im August beginnen wir nämlich das Weihnachtssortiment für den Weltladen zusammenzustellen. Während man bei dreißig Grad auf der Terrasse sitzt, lässt es sich prima prahlen, dass diese entzückenden Kugeln, diese filigranen Glasornamente oder diese witzigen Schallplattenengel toll anzusehen sind, dass die eigenen Schnickeldikisten aber ausreichend befüllt sind. Wenn ich dann kurz vor dem ersten Advent den Weltladen einmal komplett auf Weihnachten krempele und gleich drei Weihnachtsbäume für die Schaufenster schmücke, kommt meine Entschlossenheit stark ins Wanken und wenn dann womöglich aus dem Vorvorjahr ein Glitzerengel übrig ist, so ganz ohne zugehörige Krippe oder Glitzerengelfreunde und er deshalb auch noch reduziert wird … naja. Glitzernde Engel müssen gerettet werden.

Grundsätzlich halte ich mich aber an meinen Vorsatz und es ist ja auch so, dass die Grüne Villa nicht größer wird oder sich neue Fenster wachsen lässt. Irgendwann ist alles voll. Obendrein versuche ich diese Nachhaltigkeitssache ein bißchen hochzuhalten und dazu gehört eben auch, nicht jeder Versuchung, jedem Kaufimpuls nachzugeben. Mit Klamotten und Schuhen klappt das schon seit Jahren gut, die anderen Bereiche meines Lebens sollen da nun endlich nachziehen. Mein Klamottenkaufverhalten hat übrigens nicht nur dazu geführt, dass mein Kleiderschrank übersichtlich ist, sondern auch dazu, dass ich beinahe nur Kleidungsstücke besitze, die ich sehr mag und wertschätze.  Außer in akuten, womöglich hormongebeutelten „ich hab nie irgendwas Schönes anzuziehen“-Phasen hat sich mein Tagesbeginn damit erheblich erleichtert. (und mittlerweile ist es mir ziemlich egal geworden, was gerade Mode ist. Hauptsache ich finde noch irgendwo Ersatz für zerfallende Lieblingsteile gibt.)

Vor der absoluten Nachhaltigkeits-Heiligsprechung gibt es aber noch eine Menge zu unterlassen. Spontan Geschirr zu kaufen, beispielsweise. Oder zu lernen, dass es kein bißchen schlimm ist, wenn ich nicht für zwölf Personen einheitlich den Tisch zu decken. Herrjeh.

WMDEDGT 01/19

Frau Brüllen ruft zum Tagebuchbloggen auf! Das macht sie seit fünf Jahren, ich folge dem Ruf sporadisch.

Mein Tag begann sehr früh. Irgendwann gegen halb drei, als der Große heimkam, schwungvoll gegen den Schuhschrank rumpelte und danach mit Schmackes die Badtür schloss. Kurz danach krachte seine Zimmertür zu, wenige Minuten später kam der Gatte von seinem Treffen mit den Exkommilitonen heim. Alles genauso geräuschvoll wie der große Sohn, zusätzlich mit einer guten Portion Eau de Irish Pub. Ich schlief mit dem Wissen, dass die Joggingrunde des Gatten am Morgen garantiert nicht stattfinden würde.

Kurz bevor ich wieder selig einschlief, sprang ein nasser, kalter Kater auf mein Bett und versuchte sich an meinen Füßen zu wärmen. Da meine Füße empört unter dem Deckbett verschwanden, verzog er sich letztlich in sein Körbchen.

Gegen halb acht erwachte der Kater und kletterte aus dem knarrenden Körbchen. Dies weckte den armen, vernachlässigten Hund, der umgehend Liebe, Zuneigung und Aufmerksamkeit verlangte. (Dies tut er, in dem erreichbare Körperteile abschleckt oder, falls alle Körperteile in Sicherheit vor rosa Hundezungen gebracht wurden, durch genervtes Murren auf Kopfhöhe. Meiner Kopfhöhe, denn der Gatte ist mit allerliebster Tiefschlaf gesegnet.

Ich stand auf, zog mich an, kochte Kaffee und Tee, aß eine Scheibe vom Dresdner Christstollen und zerrte denn furchtbar müssen Hund vom Küchensofa zur Hunderunde.

Die Hunderunde habe ich in letzter Zeit sehr häufig geschwänzt, immerhin hatte die gesamte Familie Urlaub und insbesondere Töchterlein hatte große Lola-Sehnsucht und sehr viel Lust, die langen Morgenrunden zu übernehmen. Dass ich ziemlich außer Form bin, merkte ich nicht nur an kneifenden Klamotten, sondern auch als ich auf der Hälfte der Großen Steig pustete und schnaufte und mir ziemlich warm wurde. Ganz oben war es dann prima. Der leichte Nieselregen hörte auf, doch der Wind trieb dramatisch graue Wolken vor sich her und daran kann ich mich einfach nie sattsehen. Ich lief und lief, der Hund trabte fröhlich mit und nicht nur mein Schrittzähler, der während der letzten Wochen vor sich hingewimmert hatte, jubelte.

Wieder daheim spürte ich Oberschenkel und Waden, leider auch das rechte Knie, aber vermutlich werden ab nächster Woche, wenn die langen Runden wieder Routine sind, Muskeln und Gelenke wieder wie geschmiert laufen.

Der Große kroch aus dem Bett, wenige Minuten später zeigte sich auch ein gänzlich unverkaterter Gatte. Der Jüngste wurde zum gemeinsamen Frühstück geweckt, danach verzog ich mich ins Nähzimmer. Während ich dort vor mich hinwurschtelte sah ich zwei Folgen der Aufräumserie bei Netflix und weil ich aus dem Staunen und Lachen und Kopfschütteln nicht herauskam, beschloss ich bei Gelegenheit weitere Folgen zu schauen, um umfassend informiert einen längeren Text darüber schreiben zu können.

Um noch etwas Sinnvolles in den Tag zu packen, überredete ich den Gatten zu einem Besuch des Baumarktes, denn seit einem Jahr hängen verschiedene Farbmusterkarten in der Küche und vor ein paar Tagen habe ich mich für eine entschieden. Wir fuhren los, verabschiedeten vorher die Söhne, die zu wilden Dungeons&Dragons-Schlachten loszogen und vergaßen nicht mal die leeren Milchflaschen, damit diese auf dem Rückweg befüllt werden konnten. Ich widerstand im Baumarkt sämtlichen reduzierten Weihnachtsartikel! Sogar den Kerzen!

Weil sich das Wetter immer noch nicht zwischen Regen und Sonne entscheiden konnte, schalteten wir den Saunaofen an. Eine Stunde braucht dieser und in diese Stunde passte eine Tasse Kaffee (sogar ganz romantisch bei Kerzenschein), die Abendhunderunde (der Gatte) und das Aufhängen der neuen Vorhänge im Wohnzimmer (ich). Und ja, dieses IKEA-Gardinen-System mit den Röllchen, die in einer Schiene laufen, ist doof. Zum einen lassen sich die Haken nur unter brachialen Kraftaufwand in die Röllchen drücken und zum anderen musste der Gatte erst auf den Speicher kriechen und Holzbretten von oben gegen die Rigipsdecke schrauben, damit die Vorhangschiene samt Gardinen und Decke nicht runterkratzt. Ok, Letzteres ist kein IKEA-Problem, aber trotzdem lästig. Jetzt hängen die neuen Vorhänge und verhindern hoffentlich, dass man auf dem Sofa keinen Zug bekommt.

Die Sauna war heiß und ganz genau die richtige Idee für unausgegorenes Usselwetter. Ich hatte trotzdem schon nach zwei Gängen genug und nutzte die Zeit, die der Gatte für den dritten Gang brauchte, um ein Bananenbrot zusammenzurühren und in den Ofen zu schieben. Zusammen mit dem Gatten sorgte ich für ein feines Abendessen, eines für uns, eines für die Jungs, die beide zwar Rosenkohl mögen, aber irritierenderweise nicht in Kombination mit Maronen. Deshalb zauberte der Gatte Nudeln mit unserer neuen Lieblingsküchhenmaschine, dem Pastamaker. Von der Lasagne war noch Soße übrig, ein prima Abendessen für müde gekämpfte Söhne. Während der Essensvorbereitung kicherten wir uns gemeinsam durch zwei Folgen Aufräumserie und wissen jetzt, dass wir endlich super erwachsen sind, wenn wir gefaltete Waschlappen im Schrank liegen haben. (Ich muss da wirklich länger zu schreiben!

Mit Rosenkohl, Maronen und Riesling vom Schwabsburger Schloss zogen wir uns aufs Sofa zurück. Mittlerweile sind die Söhne da (hungrig, weil sie sich Nudeln mit Soße in eine Auflaufform geschichtet und mit Käse überhäuft haben und das Ganze brodelt nun im Backofen vor sich hin), das Bananenbrot duftet auf dem Tresen, das zweite Glas Riesling ist zur Hälfte geleert und ich weiß, dass ich morgen früh noch einmal ausschlafen darf, der Gatte rennt mit dem Hund.

So weit, so unspektakulär, so schön.

Geschafft.

Heute sind die Feiertage ganz offiziell vorbei. Das letzte Plätzchen ist verspeist, ein einziger Lebkuchen und ein kleiner Rest vom Stollen werden im Laufe des Tages verschlungen und dann möchte ich bitte zehn Monate lang weder Zitronat noch Rosinen in meinem Essen.

Das Töchterlein hat sich um sieben Uhr verabschiedet. Sie reist heute für drei Monate nach Gilching. Neue WG, neue Menschen und am Alleraufregensten: der Praxisteil ihres Studiums beginnt, sie darf mit Robotern spielen. Meine Vorstellung deckt sich da womöglich nicht ganz mit ihrer Realität, denn ich sehe sie mit irgendwelchen Joysticks und Fernbedienungen hantieren oder bäuchlings auf dem Boden liegend zuschauend, wie der Fischertechnik-Roboter auf wackeligen acht Beinen durch das Zimmer stapft … ich weiche ab. Letztlich wird sie sehr viel Zeit programmierend am Rechner verbringen. Es ist mir unverständlich, wie so etwas Spaß machen kann, aber ihr geht es genauso, wenn ich ihr erkläre, wie der Quilt aussehen wird, den ich ihr für ihr Mannheimer WG-Zimmer nähen werde.

Mit der Abreise der Tochter gehört das Haus wieder uns, das begrüße ich sehr. Selbst der freundlichste, liebenswerteste Besuch ist mir irgendwann zuviel, sitzt rum, wo ich gerade saugen will, hat seinen Kram rumliegen, wo er doch nicht hingehört und will ein Schwätzchen halten, wo ich doch gerade leergequatscht bin. In meiner Phantasie bin ich eine warmherzige Gastgeberin, die Ihren Besuch mit offenen Armen empfängt und über Wochen verwöhnt. In der Realität entgleitet mir die Warmherzigkeit nach etwa drei Tagen. Beim gemütlichen Abschiedsgespräch mit der Tochter zeigte sich dann aber, dass sie sich sehr wohl als Besuch empfindet, sich aber nicht hinausgedrängt fühlt.

Ab ungefähr Mitte des Jahres entspannt sich die Besuchssituation sowieso, denn dann wird es in der Grünen Villa ein echtes Gästezimmer geben. Der Große beendet dann nämlich seine Ausbildung und egal wo er was arbeitet – er wird ausziehen müssen, es ist allerhöchste Zeit. (Keine Sorge, wir streiten uns nicht! Er ist einfach so weit, Er kann sich versorgen und theoretisch seinen eigenen Haushalt führen, muss dies ja aber nicht tut, weil ich da bin. Das führt zu gewissen Unzufriedenheiten meinerseits und ach, es ist halt Zeit.)

Wann der Jüngste auszieht, ist sehr ungewiss, aber das eilt auch nicht. In drei Wochen hat er praktische Prüfung. Sollte er diese bestehen, wird er ziemlich sicher vom Ausbildungsbetrieb übernommen und dann kann Entspannung einsetzen. Und neue Ziele in Angriff genommen werden. Vielleicht macht er den Führerschein, vielleicht doch noch mal einen längeren Urlaub, vielleicht will er doch ausziehen. Es wird sich finden.

Jetzt steht hier beinahe etwas wie eine Jahresplanung. Das ist natürlich Quatsch, denn erfahrungsgemäß läuft das eh alles anders. Und eigentlich wollte ich wirklich nur rasch erzählen, dass das Familienfest gestern abend relativ früh endete, weil die Schwagerfamilie heute früh schon wieder abreist und ich bin wirklich froh, dass es nicht spät wurde. Ich bin keine Langschläferin und die Schlafenszeiten der letzten Wochen, die immer deutlich nach Mitternacht lagen, taten mir nicht gut. Deshalb: hallo langweiliger, spießiger „um elf Licht aus“-Alltag, ich freue mich, dass du wieder da bist. Kann noch jemand rasch das Küchenchaos der letzten Feier beseitigen?

Vorsätze?

Aber sicher! Die meisten beinhalten irgendwas mit „mehr“, viele beginnen auch mit „weniger“, alle so vage formuliert, dass sie mit reinem Gewissen einfach verschwinden können.

Tatsächliche Vorsätze sind:

  • keinen einzigen Vorsorgetermin, sei er noch so unangenehm, zu schwänzen. Auch nicht den beim Zahnarzt im Juni.
  • mich damit abfinden, dass ich kein kerngesunder Mensch mehr bin. (und das Jammern darüber möglichst gering halten)
  • Kochbücher nicht mehr nur lesen und anschmachten, sondern tatsächlich ganz viel daraus zu kochen
  • das Treppemhaus zu renovieren (Vorsatz seit etwa fünf Jahren, das Ding wird einfach nicht von allein hübscher)
  • nachsichtiger mit Menschen zu sein (nun ja. Herausforderungen halten jung.)
  • jeden Tag zu notieren, wieviele Kilometer ich mit dem Hund unterwegs war. Um es mal schwarz auf weiß zu sehen und um stolz darauf zu sein. Heute: null Kilometer. Der Gatte rennt die Morgenrunde, den Nachmittag übernimmt der Jüngste. Bisherige Kilometer in diesem Jahr: 5.07 km. (Migräne bremst mich)
  • bloggen (und das erstmal nirgendwo zu erwähnen)

Um dem letzten Punkt direkt abzuarbeiten:

Am ersten Januar ziehen wir gemeinsam mit den Kindern los und besuchen die Verwandtschaft in Nierstein. Angeblich ist das altes Brauchtum, der Verwandtschaft so lange Böller vor die Haustür zu werfen, bis diese sich mit Silvestergeld freikauft. (und irgendwie werden auch noch ein paar böse Geister vertrieben) Wir machen das schon so lange mit den Kindelein, dass ich nicht mehr weiß, ob es sich tatsächlich um Brauchtum handelt oder ob nicht womöglich wir Eltern die sehr viel jüngeren Kindelein unter diesem Vorwand (Böllern! Gegen Bezahlung!) aus dem Haus lockten. Wie auch immer das Ganze entstand, es besteht bis heute und bereitet uns allen große Freude!

Wir beginnen die Runde stets mit einem Besuch bei dem Bruder meines Schwiegervaters, der direkt um die Ecke wohnt. Mit Hilfe einiger Knallfrösche wurden Schwiegervaterbruder, seine Frau und der älteste Sohn der beiden aus dem Haus gelockt und weil es leicht regnete, wurden die Neujahres-Wünsche und sonstigen Neuigkeiten nicht im Hof ausgetauscht, sondern wir wurden ins „Sauställsche“ gebeten. „Kummt emol erinn!“ Das Sauställsche wurde nach Verzehr der letzten Bewohnerin zu einem hübschen Raum umgestaltet, in dem sich prima feiern lässt. Der Ofen bollerte, Plätzchen wurden auf den Tisch gestellt und die ganz alten Geschichten ausgepackt. Die Hochzeitsreise im Motorrad mit Beiwagen, der Flieger, der über Nierstein abgeschossen wurde und wie es als absolut ausreichende Sicherheitsmaßnahme durchging, Phosgen auf dem Balkon vor dem Labor zu lagern. Nach sehr viel Gelächter und wieder auf dem neuesten Stand, was unser Leben und das der Nachbarn angeht, verabschiedeten wir uns uns. Leider habe ich vergessen zu fragen, ob auch in diesem Jahr wieder ein Skiurlaub ansteht. Letztes Jahr flitzte der Schwiegervaterbruder noch mit großer Begeisterung die schwarzen Pisten hinunter (runner laafts jo vunn selbscht). Noch mehr Freude als das Skifahren selbst bereiten ihm aber vermutlich die entgleisenden Gesichtszüge der Menschen beim Skiverleih, denen er seinen Ausweis vorzeigt. Er wird dieses Jahr 89.

Der nächste Halt ist bei meinem Schwiegervater. Auch wegen seiner Schwerhörigkeit klingeln wir, damit er auch ganz sicher mitbekommt, dass ihm Böller vor die Tür geworfen werden. Immerhin wohnt er im vierten Stock. Gestern abend gab es neben den allerbesten Neujahrswünschen, dicken Umarmungen und Silvestergeld für die Kindelein einen wirklich widerlichen Sekt, für den er sich aufrichtig entschuldigte. (ein Geschenk vom alten Arbeitgeber, der zwar bekannt ist, aber das mit dem Wein und dem Sekt trotzdem nicht hinbekommt) Wir kippten den Sekt weg und bekamen stattdessen ein Glas Wein. Und ein paar Cracker. Da mein Schwager samt Familie seine Anreise für den Abend angekündigt hatte, verabschiedeten wir uns bald, damit meine Schwiegervater die Wohnung weiterhin besuchsfein machen konnte. (morgen kommen alle zu uns zum Essen und danach setzten die vagen „mehr“- und „weniger“- Vorsätze hier ein).

Die nächste Station war beim Bruder meiner Schwiegermutter. Der hat mich vor vielen Jahren als erster ganz offiziell in der Familie aufgenommen, in dem er von mir verlangte, ich möge ihn Duzen und beim Vornahmen nennen, allenfalls hieße ich für ihn nur „Kloakinnerschulstande“ (Kleinkinderschulstante). Dem Wunsch kam ich gerne nach. Ein weiteres Glas Sekt später sprachen wir, die wir sonst beinahe dialektfrei reden, fließend Niersteinerisch, knabberten uns durch mehrere Tüten Chips, Flips und Zwiebelringe und hielt uns die Bäuche vor Lachen. Wir lernten zum Beispiel, dass man frisch erlegten Lappingen immer ordentlich den Urin ausdrehen muss und wer weiß, wenn die große Zombie-Apokalypse kommt, kann man das ja vielleicht gebrauchen. „Lapping“ ist vermutlich ein Sprachüberbleibsel aus der französischen Besetzung, den „Lapin“=“Kanninchen“. Ich freue mich jedesmal, wenn ich wieder eines dieser Wörter oder gar eine ganze Redewendung höre. Es gab Geschichten über getrennte Betten, Silberrücken im Reisebus und Elefantenfleisch in Dosen beim Nutzkauf. Dazu Multivitaminsaft für die Kindelein, den diese nicht mögen, aber einmal im Jahr gehört er dazu.

Mit über einer Stunde Verspätung erreichten wir schließlich unser letztes Ziel. Mme Ouvrage und Herr Skizzenblog hatten feines Essen, noch mehr Sekt, Espresso und Käsekuchen, neue und alte Geschichten für uns, wir noch drei Böller für oder gegen irgendwas. Egal.

Hauptsache nächstes Jahr wieder.

Bienchen und Blümchen

Vor ein paar Tagen versprach ich eine ausführliche Liste, wie ein Garten bienen/insektenfreundlich bepflanzt werden kann. Was ich hiermit tue. Vorangestellt sei, dass nicht alle Pflanzen auf dieser Liste auf jedem Boden zu jeder Bedingung wachsen. Oder dass diese Liste vollständig ist. Doch sie ist ein Anfang, ein kleiner Einstieg, vielleicht auch eine Ermutigung, um unsere Gärten wieder in summende, brummende Farbkleckse zu verwandeln, in denen nicht nur Insekten, Falter, Vögel und Kleinsäugetiere glücklich sind, sondern letztlich auch wir Menschen. (ich stelle mir immer vor, ich müsste meinen Nachmittagskaffee zwischen Gabionen und Kirschlorbeerhecke trinken und ach – das wäre schon kein bißchen schön.

Ein bepflanzter Garten ist in der Anfangszeit arbeitsintensiv, denn frischgepflanzte Stauden wollen gegossen und gehätschelt werden, Gesätes muss im Auge behalten werden, denn wenn es zu dicht wächst, erstickt es sich gegenseitig. Viele Stauden sind teuer, es lohnt sich, ein Auge auf „alles muss raus!“-Angebote zu haben. Angetrocknete Stauden erholen sich nach einem Tag im Wasserbad ganz prächtig und gedeihen eingepflanzt meist wundervoll. Ein neu angelegter Garten sieht ein bißchen traurig aus, weil ein paar einzelne Stauden eben immer traurig aussehen. Wenn wir an bienen/insektenfreundliche Gärten denken, dann sehen wir immer diese überbordenden Farbprachten vor uns, diese Bauerngärten unter blauem Himmel, samt Gärtnerin in Latzhose und Strohhut. Bis es so eingewachsen ist und üppig blüht, vergehen drei Jahre. Die Stauden brauchen Platz, doch die Lücken dazwischen werden von Jahr zu Jahr kleiner und keine Staude nimmt es übel, wenn die Lücken mit blühenden Töpfen oder einjährigen Saatpflanzen gefüllt werden.

Die vermeintlich pflegeleichten Kies- und Schottergärten sind übrigens nur drei, vier Jahre lang pflegeleicht. Danach siedeln sich Pionierpflanzen und Spontanvegetation an, die genauso mühsam gezupft und gejätet werden müssen, wie in einem bepflanzten Garten. Ohne das Erfreuen an Farbe und Leben. Dies nur nebenbei.

Die Bienen kriechen an den ersten warmen Tagen aus den Stöcken und schauen sich mal um, vermutlich haben sie auch Lust auf was Frisches oder die Vorräte sind schon ganz schön knapp, deshalb ist es nicht schlecht, wenn es schon ein bißchen blüht. Wir Menschen finden das ja auch super, diese ersten Farbkleckse nach dem Wintergrau.

Jetzt im Herbst kann man prima Blumenzwiebeln/knollen pflanzen:

Schneeglöckchen, Märzenbecher, Winterlinge, Blaustern und natürlich Krokus.

Wer Platz für Hecken hat, der macht Bienen im Frühling mit Hasel, Blutjohannisbeere, Weißdorn, Felsenbirne, Weide, Weigelia, Heckenrose, Liguster und/oder Schlehe Freude! (und einige mehr!)

Alle Obstbäume sind prima, Beerensträucher ebenfalls. Auch für die Gartenbesitzer, die dann ernten dürfen.

Löwenzahn, Lungenkraut, Scharbockskraut, Raps, Akelei, Vergissmeinnicht, Butterblumen, Taubnesseln, Gänseblümchen. Einmal im Garten etabliert, wachsen und gedeihen sie zuverlässig und sind allerbestes Bienenfutter. Dass manch eine von ihnen „Unkraut“ genannt wird, ist eigenlich eine Unverschämtheit!

Für den späteren Frühling kann man Bergenien pflanzen. Die blühen sogar im Herbst noch einmal! Steinkraut/Duftsteinrich und Blaukissen gibt es in weiß, rosa und lila, sie wachsen überall, sogar in Terrassen/Balkonkästen und sind damit eine prima Alternative zur üblichen Kastenbepflanzung, die meist keinerlei Nutzen für Bienen/Insekten hat.

Tulpen, Hornveilchen, Stiefmütterchen, Narzissen und Primeln – unsere geliebten Frühlingsboten – sind weitestgehend nutzlos als Bienenweide, in meinem Garten möchte ich sie trotzdem nicht missen. Aber eben nicht als ausschließliche Bepflanzung.

Zum Sommer hin wird es leichter für die Bienen!

Für Balkone und Terrassen bieten sich verschiedenste Kräuter (Thymian, Oregano, Majoran, Salbei, Minze, Rosmarin, Bohnenkraut, Zitronenmelisse) an! Die blühen nicht nur schön und insektenfreundlich, die Blüten lassen sich ja auch verzehren. Win-win! Toll ist Borretsch im Garten! Bei mir will er nicht so richtig, der schwere Ton/Lehmboden bekommt ihm nicht, vielleicht haben Sie ja mehr Glück? Wenn er etabliert ist, sät er sich aus und marodiert munter durch die Beete. Genauso wie Ziersalbei und Kapuzinerkresse, die sich überall dort ansiedeln, wo sie ein bißchen Platz finden.

Phlox, Indianernessel, Rittersporn, Königskerzen, türkischer Mohn, Muskatellersalbei, Sonnenhut, Eisenkraut, Flockenblume, Lavendel sind größtenteils mehrjährige Stauden, die reichlich Futter bieten.

Im Garten wachsen und blühen lassen sollte man auch Klee, Storchenschnabel, die eine oder andere Klette oder Distel. Phacelia ist nicht nur eine Bienenweide, sondern gleichzeitig ein wunderbarer Gründünger.

Wer Gemüse anpflanzt, macht Bienen mit Gurken-, Zucchini- oder Kürbisblüten glücklich. Rharbarberbüten und Fenchelblüten werden nicht nur von Bienen umschwirrt! Und der absolute Renner ist in meinem Garten die Katzenminze, nicht nur beim Kater.

Zum Herbst hin wird in den meisten Gärten das Futterangebot knapp!

Pflanzen dagegen kann man: Goldrute (Achtung, wenn die verblüht ist, bildet sie Squillionen von Samen aus, die der kleinste Winhauch durch den ganzen Garten wirbelt!), Sonnenhut, Sonnenbraut, Anemonen, Herbstastern, Topinambur, Fetthennen. Säen lassen sich Ringelblumen (die wandern auch gerne durch den Garten), Cosmea und Sonnenblumen.

Ziemlich als letzte Blühpflanze gilt der Efeu, doch sein Nektar härtet stark aus, so dass Bienen ihn im Winter gar nicht richtig als Futter verwerten können.

Ich schrieb es ja bereits: diese Liste ist nicht vollständig, sie kann es ja auch gar nicht sein, denn was bei mir gedeiht, kann bei Ihnen kränkeln. Wichtig ist, dass es das ganze Jahr über ein kontinuierliches Angebot an Futterpflanzen gibt.

Die Bepflanzung der Gärten, insbesondere in Neubaugebieten ähnelt sich sehr, das ist einerseits sehr irritierend, weil „haben die Leute denn keine eigenen Ideen?“, andererseits sogar richtig schlimm, denn regelrecht lebensunfreundlich. Forsythien, Thuja,Kirschlorbeer (es gibt bei Letzterem verschiedene Sorten, nicht alle sind doof) haben keinerlei Mehrwert, genauso wie Gingko oder Platanen. Hortensien, Rhododendron, Petunien, Geranien, Oleander sehen toll aus, werden aber kaum oder gar nicht angeflogen, doch das sind genau die Pflanzen, die ich immer wieder in den Gärten entdecke. Sie dürfen das gerne anders oder besser machen!

Meine Kästen auf der Terrasse sind im Moment mit Thymian, Oregano, Majoran, Rosmarin, Minze, Salbei und Bohnenkraut bepflanzt. Dazwischen pflanze ich als Farbklecks im Frühjahr Hornveilchen. Total inkonsequent, weil eben wertlos, doch mein Herz hängt daran. Jetzt im Herbst sitzen Chrysanthemen dazwischen, die werden von Bienen auch nicht angeflogen. Nächstes Frühjahr bepflanze ich die Kästen neu und schaue noch mal genauer auf die Liste oben.

Und noch mal kurz: ein insektenfreundlicher Garten muss kein verwilderter, überwucherter Dschungel sein. Ganz im Gegenteil, die Pflanzen sollen sich ja nicht gegenseitig erdrücken. Rückschnitt, ausdünnen, gießen, vielleicht auch ein bißchen düngen ist nötig. Es muss übrigens nicht jede Laus bekämpft werden, denn die Bienen nehmen gerne das Sekret, welches die Läuse ausscheiden, auf! Und viele Läuse im einen Jahr, bedeuten viele Marienkäfer im nächsten Jahr. (heimische)Marienkäfer gibt es auch gar nicht mehr so viele, schon bemerkt?

Es ist ein unfassbar langes Thema, zu dem ich mich in Rage reden und schreiben kann, doch irgendwann sollte (vorerst) Schluss sein. Ich wiederhole nur noch ein letztes Mal: die Liste ist nicht vollständig und allgemeingültig (=nicht alles wächst überall). Informieren Sie sich in Gärtnereien, achten sie auch auf „bienenfreundlich“-Schilder an Pflanztöpfen, beobachten Sie in anderen Gärten, was umsummt wird und fragen Sie nach Ablegern oder Samen, tauschen Sie sich von Gartenzaun zu Gartenzaun oder im Social Media aus und werfen Sie verdammt noch mal keinen Schotter in ihren Vorgarten!

 

Lechweg 2018 – von Wängle/Hinterbichl bis Füssen

Die letzte Etappe, unfassbar! Aber auch ganz passend, denn irgendwie verließ mich langsam die Wanderlust. Dies ist wahrscheinlich einer der Gründe, weswegen ich niemals den Camino laufen werde, weil ich nach einer Woche zappelig werde und viele Ideen habe, die ich statt in der Gegend herumzulaufen, angehen könnte. Gartenmöbel streichen zum Beispiel. Oder Trittsteine aus Beton gießen. Oder einfach im Rosa Gartenhüttchen sitzen und Kaffee trinken. Da schwingt ein leises Heimweh mit und deshalb: letzte Etappe, passt.

Sehr heiß war für heute gemeldet, doch Frühstück gab es schon ab halb acht, so dass wir zeitig loskamen. 19 Kilometer bis Füssen, vor der großen Nachmittagshitze wollten wir entweder in Füssen im Biergarten sitzen und alkoholfreies Weizenbier trinken oder im Alpsee vor Füssen schwimmen gehen, falls es einfach zu heiß würde.

Wir überquerten auf einer der unzähligen Brücken den Lech und ließen ihn damit erstmal hinter uns. Die ganze Wanderung lang sollten wir ihn nicht mehr sehen, erst zum Ende der Etappe, dann aber mit Getöse.

Unsere heutige Etappe führte uns durch ein Vogelschutzgebiet. Den Aussichtsturm erklommen wir mit Rücksicht auf Lola nicht, aber die Erklärtafeln am Wegesrand samt Vogelstimme auf Knopfdruck hatten es uns angetan. Tolle Sache, hören Sie sich ruhig mal das unterschiedliche Gezwitscher an!

Nach Gezwitscher und gemütlichem Gang durchs Schutzgebiet, querten wir Reute.

Die Freude über Wald und schmalen Wanderweg hielt nicht lange. Der erste Wegweiser Richtung Füssen tauchte auf …

… unglücklicherweise als Autobahnschild direkt neben unserem Wanderweg.

Aber wie so oft auf dem Lechweg: gerade wenn ich trotzig mit dem Fuß aufstampfen und über den blöden Weg schimpfen wollte, kam eine Abzweigung und es wurde schön. Durch den Wald ging es nach oben zur Sternschanze.

Und dann kreuz und quer. Wie die letzten Tage eben auch. Ein bißchen hoch, ein wenig runter, mal auf sehr schmalen, manchmal etwas abenteuerlichen Wegen, dann wieder in langen Serpentinen auf breiten Forststraßen.

Ein letztes Mal passierten wir einen solchen Pfosten:

Hier wird gezählt, was oder wer vorbeikommt, bekamen wir während der ersten Etappe erklärt, als wir zu unseren Erfahrungen auf dem Lechweg befragt wurden.

Kurz vor Füssen erreichten wir den Alpsee. Ein traumhaft schöner See, mit leuchtend blauem Wasser, durch das sich türkisfarbene Streifen ziehen. Leider schien die Sonne gerade nicht, deshalb sprangen wir nicht hinein.

Unser Weg führte am See vorbei, mit Blick auf Neuschwanstein und Hohenschwangau und stellenweise war er auch etwas hundeunfreundlich mit Gitterrostboden.

Kurz vor Füssen gab es noch einen Aussichtspunkt zu erklimmen, doch dort verweilten wir nur kurz, wir wollten ja endlich zur Hauptattraktion!

Zuerst das obligatorische Selfie am offiziellen Endpunkt des Weges …

und dann endlich: die Lechfälle!

Wir sind jetzt schon ein bißchen stolz! 125 Kilometer und ein paar Bonuskilometerchen sind wir gewandert, durch Regen und Sonne, sogar den von mir ganz besonders gewünschten Schnee gab es! Ein toller Weg, abwechslungsreich, manchmal ein bißchen fordernd. Wir hatten die festen Bergstiefel an, doch mit der leichteren Variante wären wir auch prima zurechtgekommen. Wir haben oft „Wie gut, dass noch kein Hochsommer ist, hier würde die Hitze stehen!“ gesagt und nicht immer war das ein Versuch uns selbst zu trösten, weil der kalte Wind uns quälte. Unsere Unterkünfte waren allesamt großartig, von urig bis modern. Wenn Sie wollen, beschreibe ich diese nochmals ausführlich. Sollten Sie eine Wanderung auf dem Lechweg planen, fordern Sie sich das offizielle Reisepaket mit sämtlichen Unterlagen an, darin finden sich auch die Hotels am Wegesrand.

Wir schlugen die Zeit in Füssen bis zur Abfahrt unseres Zuges mit Essen tot, denn für Sightseeing fehlte uns die Kraft. Außerdem waren da plötzlich so viele Menschen, daran waren wir gar nicht mehr gewöhnt!

Mittlerweile sitzen wir im ICE nach Frankfurt. Der Hund schläft und wir jonglieren mit Anschlüssen, weil der ICE außerplanmäßig nicht da hält, wo er halten sollte. Aber alles halb so schlimm, bald darf ich in mein eigenes Bett und morgen die Blase an meiner Ferse pflegen. Und darüber schreiben, wie eine Mehr-Tages-Wanderung mit Hund funktionieren kann.

Lechweg 2018 – von Weißenbach bis Wängle/Hinterbichl

Frühstück gab es, wie bisher in jedem Hotel, um acht. Eigentlich viel zu spät, denn echte Gipfelstürmer oder Wanderer, die früh aufstehen, weil sie einen hyperaktiven Hund dabei haben, haben sehr viel früher Hunger. Letztere müssen dann warten und werden ein klitzekleines Bißchen knurrig, Erstere müssen sich wirklich sputen, wenn sie die fünf-Stunden-Touren zu einem Gipfel hin und zurück bewältigen wollen. Lch vergaß nachzufragen, wie das denn ist, wenn man wirklich früh los will, ob man dann womöglich hungrig wandern muss? Kann ich mir kaum vorstellen. Ist ja auch erstmal egal, wir hatten keinen Gipfel zu erklettern, sondern eine relativ ebene Strecke mit ein paar Hubbelchen und einem ordentlich Anstieg am Ende vor uns. Die Sonne schien und wir stellten uns auf einen ähnlich heißen, zähen Tag wie gestern ein.

Und weil ich nicht das hunderttausendste Panorama und „schau, diese AUSSICHT!“- Bild machen wollte, knipste ich halt Kurioses.

Servus!

Und, kaum vorstellbar beim Anblick des doch eher friedlich dahinrauschenden Lech, diese Warnung:

Das war es aber schon an Kuriositäten, letztlich bleibt es eben doch bei „Ah!“ und „Oh!“ angesichts der Gegend, durch die uns der Weg führte.

Eine zeitlang liefen wir wieder direkt neben dem Lech, diesmal ein kombinierter Rad/Wanderweg, was wirklich, wirklich nervig war, weil wir ständig zur Seite hüpfen mussten. Auf großen Schautafeln kann man nachlesen, wie dieser Abschnitt des Lech nach und nach renaturiert wird, damit er wieder „durch die Landschaft mäandert“. Ein großartiges, langwieriges und sehr kostenspieliges Projekt, das aber aus solch einem Anblick

eher wieder so etwas machen wird:

Der Weg führte vom Lech weg, über Weiden (ohne Kuhkontakt) und durch den Wald und weil es sonnig in Kombination mit einem kühlen Wind war, liefen wir leicht und fröhlich plaudernd.

Manchmal mussten wir ein bißchen grinsen, weil es so schien, als habe man beim Anlegen des Weges überlegt, wo doch noch ein wenig Abwechslung herauszuholen sei. 🙂

Schneller als erwartet kamen wir zum letzten Anstieg des Tages und damit auch zum running gag unserer Wanderung: „Geh den Lechweg!“, haben sie gesagt, „Der geht ja immer bergab!“, haben sie gesagt, „Weil ein Fluß fließt doch bergab!“ Haben sie gesagt.

Nix bergab. Steil durch den Wald nach oben, das Stahlseil für schwierigere Stellen nahm ich gerne zum Hochziehen des unwillig schnaufenden und schwitzenden Körpers. Der Hund – galoppierte vorneweg …

… warf aber ab und zu einen „wo bleibt ihr denn so lange?“-Blick hinunter.

Als wir oben waren, verschwand die Sonne und es kühlte so deutlich ab, dass ich das verschwitzte Trägerhemd mit Wanderbluse gegen ein Merinoshirt tauschte.

Da uns ein Hotel ohne Abendessen erwartete, hatten wir ursprünglich geplant, am Frauensee

Rast zu machen, vielleicht sogar zu schwimmen, und dann gegen abend dort etwas zu essen. Da es aber viel zu kühl war, gab es Kaffee und Kaiserschmarren für uns. Obendrein war erst früher Nachmittag, weswegen wir beschlossen, zum Hotel „abzusteigen“ (knapp 100 Meter runter), dort unser Zimmer zu belegen, duschen zu gehen und dann zum Abendessen wieder zur Hütte am See zu gehen.

Im Hotel erwartete uns ein liebevoller Zettel „wir sind Radfahren, Kaffee und Kuchen stehen im Frühstücksraum und hier ist euer Zimmerschlüssel“. Sehr schön, herrlich unkompliziert. Nach Kaffee und Kuchen beschloss ich, dass ich nur noch eine Dusche, ein bißchen Studentenfutter und vielleicht ein Bier brauche, auf gar keinen Fall aber ein Hochgekraxele zur Seehütte für Pommes und Bratwurst. Der Gatte zog allein davon, ich blieb mit dem Hund im gemütlichen Hotelzimmer.

Der Schrittzähler behauptet, ich sei heute 18,2 Kilometer gelaufen und das erscheint mir wirklich sehr viel, ich bin gar nicht müde! (nur faul) Morgen erwartet uns die letzte Etappe und danach steigen wir direkt in den Zug. Heute schlafen wir also auch die letzte Nacht auswärts, dieser Urlaub ist verflogen!

Lechweg 2018 – von Elmen nach Weißenbach

Die Sonne! Der blaue Himmel! Welch wundervolles Wetter nach Regen und kaltem Wind!

Wie schwer fällt es da, sich von der Bank loszureißen, auf der man gerade gemütlich gefrühstückt hat. Mit Blick auf die Berge ringsherum und ohne weiteres Bedürfnis, auch nur auf einen davon zu klettern. (der Gatte ja schon, der steigt gerne hoch)

Aber irgendwann muss man halt los und schon nach den ersten Höhenmetern erinnert man sich, warum man Bergtouren ziemlich früh startet. Selbst wenn es gar kein echten Touren bis ganz nach oben sind, sondern Panoramawege mit toller Aussicht: wenn in den Bergen die Sonne scheint, dann wird es heiß. Dann werden Felsen heiß (und Felsen geben die Hitze freudig zurück), dann verdunstet das Wasser in den feuchten Wiesen und steigt als warmer Dampf auf. Das macht gar nicht so viel Spaß, aber wer unten trödelt, muss da eben auf dem Weg nach oben durch.

Obwohl der Gatte irgendwas von „nur geradeaus“ gemurmelt hatte, führte der Weg anfangs ein paar mal hoch und wieder runter, manchmal auch durch ein Stückchen Wald, was wir bei steigenden Temperaturen sehr begrüßten.

Irgendwann … ging es tatsächlich nur noch geradeaus. Das war schrecklich öde und weil es heiß und stickig war, marschierten wir einfach stur durch. Vor drei Tagen trafen wir eine Wanderin aus Füssen, die den Lechweg schon kannte. Sie beschrieb die letzten Abschnitte des Weges als „geeignet zum meditativen Wandern“ und ja, das ist eine sehr passende Beschreibung. Gehen und an nichts mehr denken.

Eine Hängebrücke (längst nicht so spektakulär wie die in Holzgau, aber schwankend und ein bißchen hui!) überquerten wir, was uns dann leider auf den für Fußgänger laaaangweiligen Fahrrad-Lechweg führte. Wir folgten diesem über glühenden Asphalt (gefühlt jedenfalls), bis wir endlich wieder auf den Wanderweg stießen. Dieser führte an einem Baggersee vorbei, der so kalt war, das mir die Luft wegblieb, als ich mich endlich zum Schwimmen hineinwagte. Eine grandiose Abkühlung und erneut eine wunderbare Stelle zum Rasten. Die erste Rast hatten wir am Ufer des Lech gemacht, inclusive Füße ins Wasser stellen.

Nach der Baggerseeabkühlung brachten wir die letzten Kilometer bis zu unserem Hotel leicht hinter uns und nach Vier-Gänge-Menü, sehr viel Sonne und ziemlich großer Anstrengung wird es uns nicht schwerfallen, tief und fest zu schlafen.

Auch wenn der Weg nur wegen der Temperaturen herausfordernd war, es gab immer wieder tolle Ausblicke auf Berge und/oder Lech. Was mich besonders fasziniert ist, wie groß so ein Flußbett ist, wenn man den Fluß einfach laufen lässt, wie er will. Der Lech ist ja ein naturbelassener Fluß und stellenweise ist er so zerfasert, dass gar nicht richtig zuzuordnen ist, welcher dieser Arme nun der Hauptfluß ist.

23,1 Kilometer behauptet mein Schrittzähler. (und obwohl ich zwei Kaffees zum Frühstück hatte und unterwegs eigentlich reichlich Wasser trank, musste ich nur einmal in den Wald pinkeln. SO HEISS WAR DAS HEUTE!)

Morgen wird es genauso warm, die Etappe ist ähnlich lang, doch kurz vor Ende müssen wir knapp 200 Höhenmeter steigen. Ich übe bereits ein paar saftige Flüche ein.

Lechweg 2018 – von Holzgau nach Elmen (Klimm) + Ruhetag

Die längste Etappe unserer Wanderung, der Reiseführer spricht von 25 Kilometern. Dazu ein paar Höhenmeter. Erst ganz schön hoch, dann immer wieder auf und ab, eine zeitlang unten an der Lech und gegen Ende wieder richtig hoch. (und wieder runter, unser Hotel liegt direkt am Lech)

Mein Morgen begann nicht allzu gut. Zwei dicke Herpesbläschen an der Oberlippe ließen den Lymphknoten am Hals anschwellen und sorgten für ein allgemeines „ich fühl mich nicht so“. Die Blase an der linken Ferse war mittlerweile offen und die Füße mochten Flipflops viel lieber als die schweren Wanderschuhe. Der vierte Wandertag und gleichzeitig Halbzeit. Irgendwo auf dem Weg würden wir die erste Hälfte hinter uns lassen. Mir egal, ich hatte keine Lust. Immerhin schien es so, als wolle es doch sonnig und warm werden.

Und dann war der Weg halt so, wie Wege in den Bergen starten. Er schlängelte sich über eine Wiese ziemlich steil nach oben, führte auch im Wald immer weiter hoch und ich schnaufte wie eine alte Dampflok. (Gatte und Hund waren deutlich leichtfüßiger)

Irgendwann vergaß ich meine pochende Oberlippe und meine brennende Ferse, meine Atmung beruhigte sich und die Muskeln ergaben sich ihrem Schicksal. Der Wanderschritt war gefunden und mit ihm kehrte meine gute Laune zurück. Berge! Wolken! Und diese bunte Blütenpracht ringsherum! Die nächste Stunde kamen wir kaum voran, weil ich die Macroeinstellung meiner Kamera testete und sämtliche Blüten von vorne, oben, neben und unten photographieren musste. (mit sehr schönen Ergebnissen!)

Der Weg wurde mal breiter, dann wieder schmäler. Forststraßen wechselten mit beinahe abenteuerlichen Trampelpfaden. Durch den Wald, direkt am Lech, auf und ab.

Leider zog es sich immer weiter zu, ein fieser, kalter Wind kam auf und mit dem Wind kam Regen. Nicht genug, um die Regenjacken aus dem Rucksack zu kramen, aber doch so viel, dass ich die Kapuze der Softshelljacke überzog. Auch als Windschutz.

Unten am Lech wartete der Bluatschink auf uns. Lola zeigte sich unbeeindruckt, obwohl es von Bluatschink heißt, er hause im Lech und verschlinge unvorsichtige Kinder. Der sympathische Geselle.

Wir machten eine kurze Mittagspause und ich tauschte kurze gegen lange Hosen. Außerdem zog ich mir das Wollbuff über die Ohren, dieser fiese, kalte Wind!

Der Weg wurde … langweilig. Geradeaus. Schotterwege und leider auch ein Stück hier entlang:

Der Lechweg ist eben nicht nur pure Idylle, doch die weniger schönen Stellen vergisst man tatsächlich sofort wieder. Denn schon um die nächste Ecke wird es entweder so anstrengend, dass man sich nach langweiligem Asphalt sehnt oder der Ausblick lenkt hinreichend ab 🙂

Dieses leuchtende Eisbonbonblau des Lech hat zwei Gründe:das Wasser ist sehr, sehr kalt (sechs Grad durchschnittlich) und es sind jede Menge Mineralien darin gelöst. Geologen wissen vermutlich, welche Mineralien für das tolle Blau sorgen.

Wir bogen zur letzten Steigung ab, den Panoramaweg nach Elmen. Hoch, hoch, noch höher und dann noch höher und noch ein Stück. Die Füße schmerzten, die Beine waren schwer …

… doch das Wetter lud nicht zum Ausruhen ein.

Eine handvoll Walderdbeeren und Heidelbeeren im Vorbeigehen gepflückt gaben kleine Energieschübe und endlich, endlich standen wir am Hotel. Ein schönes Zimmer und eine heiße Dusche warteten, leider auch das Schild am Hotelrestaurant: „Donnerstag Ruhetag“. Kurz war ich in Versuchung, mit an Müsliriegeln und Äpfeln satt zu essen, doch bis zu einer leckeren Portion Käsespätzle dauerte es nur zehn Minuten zu Fuß. Auf dem Heimweg regnete es, aber das war dann eigentlich auch egal.

Ich schlief gut, hatte ein tolles Frühstück und als der Gatte zum Gipfelstürmen heute morgen aufbrach, drehte ich eine kurze Runde mit Lola. Bevor ich mich lesend von Sonnenfleck zu Sonnenfleck schleppte. Nicht mal 4000 Schritte bekomme ich heute zusammen, gestern waren es ein paar (viele) Schritte mehr. 31,9 Kilometer, behauptet der Schrittzähler.

Morgen geht es wieder weiter!

Lechweg 2018 – von Lech nach Holzgau

Wegen Erschöpfung und Hunger (Abendessen gibt es in einer halben Stunde) fasse ich relativ knapp den Tag zusammen.

Nach dem Frühstück gaben wir unseren Koffer zum Transport ins nächste Hotel ab und wir selbst marschierten zur Bushaltestelle, um mit dem Bus wieder nach Gehren zu fahren. (gestern waren wir dort in den Bus zurück nach Lech gestiegen, weil wir keine Übernachtung gefunden hatten) Wir liefen also exakt dort weiter, wo wir gestern aufgehört hatten. Und zwar bei allerfeinstem Wetter!

Der Weg verlief heute anfangs weit oberhalb des Lech (Panoramaweg). Das bot eine prima Aussicht auf die umliegenden Berggipfel und der Gatte bekam das sehnsüchtige Glänzen in die Augen, denn die ausgeschilderten Wanderwege führen zu Berghütten, auf denen er mit den Kindern schon war. Und mit seiner Frau muss er so eine langweilige Tour laufen. Behauptete ich, er stritt das glaubhaft ab. Und die Etappe heute hatte ja auch wirklich wieder ihre reizvollen Stellen!

Vor allem war sie zum Erholen, denn nach einem recht moderaten Anstieg ging es größtenteils sacht und knieschonend bergab. Teils über Forststraßen, teils asphaltiert, ein ganzes Stück sogar an der Straße entlang. Nicht ganz so schön, doch bevor man mürrisch darüber werden will, biegt der Weg in entzückende Pfädchen ab und alles ist vergessen und verziehen.

Unsere Mittagspause machten wir am Ufer, dazu verließen wir den Weg und schlugen uns durchs Gebüsch. Die Sonne kam dazu und es fiel schwer, die Pause nicht allzu lang auszudehnen. Aber es ist halt so: je länger die Wanderpause, desto schwerer das Aufraffen hinterher.

Kurz vor Holzgau beschlossen wir, dass es bestimmt eine prima Idee ist, rasch zur Hängebrücke zu laufen. Nur um zu sehen, ob a) ich mich drüber traue und b) der Hund sich rübertraut. Bevor wir morgen davor stehen und keiner traut sich und wir den ganzen Weg zurück und runter müssen, um die Alternativroute wieder nach oben schnaufen zu müssen.

Es fing ein bißchen an zu regnen und irgendwie ging es auch nur noch fies asphaltiert bergauf, doch schließlich standen wir vor der größten Hängebrücke Österreichs. Und mir war mulmig.

Die Brücke hat nämlich ein Gitterrostboden und sie schwankt ziemlich. Aber natürlich wagte ich mich über die Brücke. Und als ich unterwegs war, kam Lola nach 🙂

Meine Knie waren ziemlich wackelig, doch es brauchte letztlich nur 258 Schritte bis ich drüben war.

Der Abstieg zurück nach Holzgau war dann ein Klacks. Trotzdem werden wir morgen die Alternativroute laufen, denn vermutlich haben wir morgen früh nicht das Glück, eine gänzlich leere (und deshalb weniger schwankende) Brücke für uns zu haben.

Jetzt: Abendessen im Hotel und früh schlafen. Die Tour morgen ist lang!

Heute behauptet mein Schrittzähler, ich sei 25,3 Kilometer gewandert.