Imkerseminar, Praxisteil

Wahrscheinlich kann man zwanzig Bücher über das Imkern lesen und sich doppelt so viele Stunden in einem stickigen Tagungsraum Vorträge darüber anhören: Imkerei lernt man nicht ( nur) theoretisch.

Deshalb fand gestern bei unserem „Imkervater“ ein Praxisteil statt. Er lud die Seminarteilnehmer in seinen „Bienengarten“ ein.

Um halb drei holte er uns an verabredeter Stelle ab und führte uns durch ein lichtes Wäldchen zu einem Tor. Hinter diesem Tor führte ein Trampelpfad zu etwa zwanzig Bienenbeuten. Ich erzähle das deshalb in aller Ausführlichkeit, weil ich, bis zu dem Moment als ich vor den Stöcken stand, niemals so viele Bienen in der Nähe vermutet hättet. Kein Gebrumm, nicht auffällig viele Bienen, nichts „Bedrohliches“, was ich irgendwie erwartet hatte.

„Stellt euch mal hier so links und rechts, da hinten geht es auch. Hier ist die Einflugschneise, die sollten wir freilassen, das mögen sie nicht.“

Und dann stand ich da. Direkt an den Beuten war das Summen doch deutlich zu hören und als ich meine Hand auf den Holzkasten legte, spürte ich das Vibrieren. 40.000 Bienen und mehr sind in solch einem Kasten! Am Einflugloch herrschte reges An- und Abfliegen, aber alles entspannt. Die Wächterbienen (die nicht wie bei Biene Maja kleine Lanzen tragen) sahen keinen Grund, das Alarmsignal zu geben.

Das Überwältigenste war der Geruch. Honig und Wachs. Süß und würzig. Als hätte man den Bienenwachskerzenstand vom Weihnachtsmarkt in einem Nadelwald aufgebaut. In diesem Moment wusste ich es ganz sicher: dieses Imkern, das ist mein Ding.

Unser Imkervater baut seine Beuten selbst. Sie sind von hinten zu öffnen (normalerweise von oben), die Rähmchen werden hinein/herausgezogen. So hat er es von seinem Imkervater gelernt, der wegen einer überstandenen Kinderlähmung körperbeeinträchtigt war und im Rollstuhl saß. „So geht barrierefreies Imkern!“, sagte er augenzwinkernd.

„Wer sich einen Schleier nehmen möchte, der kann das jetzt tun, aber nötig ist es eigentlich nicht.“, erfuhren wir, bevor die Beute geöffnet wurde.

Ich habe noch nie „in echt“ gesehen, wie ein Bienenstock geöffnet wird. Gesehen habe ich irgendwelche Dokumentationen über Bienen oder Disney-Verfilmungen, in denen ein Honigdachs einen Bienenstock ausräumt. Oder Cartoons, in denen der Honigdieb immer unter Wasser landet, mit einer wütenden Wolke Bienen über sich. Ich erwartete mindestens ein wütendes Brummen oder ein paar angriffslustige Bienen. Nichts. Ein bißchen Hektik war deutlich zu spüren, ein wildes Herumgekrabbele, aber kein Auffliegen. Zwei Rauchstöße und Ruhe kehrte ein. „Hast du eine spezielle Mischung für den Rauch?“, fragte ein Seminarteilnehmer. „Verschiedene Mischungen, fertig gekauft.“, erwiderte unser Imkervater, „Ein bißchen Hanf ist angeblich auch dabei.“ Augenzwinkern, erneut.

Der Geruch, der mir nach dem Öffnen in die Nase schlug, war unbeschreiblich. So intensiv, so gut! Außerdem spürte man einen kleinen Luftzug, der warme Luft aus dem Stock wehte. Die Temperatur in einer Beute liegt um die 36 Grad und wir entdeckten jede Menge Bienen, die wedelnd für Kühlung sorgten.

Unser Imkervater zog vorsichtig ein Rähmchen aus der Beute und blies sanft Rauch darauf. „Immer sofort nachschauen, ob die Königin darauf sitzt!“, mahnte er und erklärte, dass man diese dann fangen und in Sicherheit bringen müsse. (es gibt kleine Königinnenkäfige. Aber Lockenwickler gehen auch.) Die Königin kann unbemerkt herunterfallen und wenn man sie nicht wiederfindet, dann „weint das Volk“. Der Stock sei in Aufruhr, der Verlust ließe sich wirklich spüren, bekamen wir nachdrücklich versichert. (und Tipps, was dann zu tun sei. Es gibt SO VIEL zu lernen!)

Keine Königin saß auf dem Rähmchen, dafür viele, viele Arbeiterinnen. 300? 500? 1000? Ich kann das noch nicht schätzen, aber es wimmelte gewaltig. Im oberen Teil des Rähmchens waren Honigzellen angelegt, darunter befand sich Arbeiterinnenbrut. Und ganz unten Drohnenbrut. Die Drohnenbrut wird ausgeschnitten, weil sich dadurch die Varroamilbe effektiv bekämpfen lässt. So hatten wir das in der Theorie gelernt. Hier, in der Praxis, war das herzzerreißend. Wunderschöne, kunstvoll gebaute Waben zerschneiden und darin die Larven und Puppen der Drohnen zu finden. Man nennt das „Drohnen abtreiben“ und es kostet Überwindung. „Es ist immer schmerzhaft.“, sagte unser Imkervater schlicht. Auch früher, als die Varroa hier noch kein Thema war, schnitt man regelmäßig die Drohnenbrut weg, um Wachs zu gewinnen.

„Hier ist noch ungedeckelter Honig!“, zeigte uns unser Imkervater, „Stippt mal den Finger rein, der ist lecker!“ Und auch das kostete ein klitzekleines Bißchen Überwindung, denn immerhin stahl ich den Bienen direkt vor ihrer Nase ihre Vorräte! Die Bienen zeigten sich unbeeindruckt.

Das Rähmchen wurde herumgereicht. Und wow! Ich fand Dokumentationen über Bienen schon immer spannend, aber so direkt dabei zu sein!

Das ist toll. TOLL!

Das Rähmchen, das ich da vorsichtig in Händen halte, wiegt etwa zwei Kilo. Die Rähmchen, die keine Brut, nur Honig enthalten, wiegen gut das Doppelte!

Bis zu fünf Kilo wird der Stock an guten Tagen schwerer. Das sind Mengen, die kann ich mir noch gar nicht vorstellen. „Was macht man denn mit dem vielen Honig?“, fragte eine Seminarteilnehmerin. Einen großen Teil brauchen natürlich die Bienen selbst und der Rest … „Ihr werdet bald viele gute Freunde haben.“, versprach der Imkervater.

Das Rähmchen kam zurück in die Beute und kurz bevor diese wieder verschlossen wurde, zeigte sich die Königin. 15 Menschen jubelten Ihrer Majestät zu und ja, ich war ein bißchen ergriffen.

Der nächste Termin, erneut ein Praxisteil, ist im Juni. Aber bis dahin brummt es auch in unserem Garten. An Pfingsten zieht ein klitzekleines Volk ein. Ein Ableger von einem Imker darf in einer Dadantbeute wohnen. Ich werde berichten!