Nähkästchenplauderei

Gestern zeigte ich bei Instagram meine eifrig im Garten helfenden Söhne und schrieb dazu, dass diese das doch freiwillig und freudig tun. Daraufhin wurde ich gebeten zu verraten, welche Zaubertricks ich da früher wohl angewandt hätte. Dann will ich das mal tun, die Tricks verraten, aus dem Nähkästchen plaudern.

Das Geheimnis lautet schlicht: Bedürfnisorientierung!

„Huch, Frau Mutti!“, werden Sie vielleicht jetzt anmerken, „Das gab es doch damals, vor 15, 20 Jahren, noch gar nicht, das ist doch eine Erfindung der jungen Mütter von heute!“

Doch, doch, muss ich dann leider einwenden, das gab es damals schon, aber es war alles ein bißchen anders. Aber der Begriff passt doch so prima, deshalb muss ich ihn verwenden. Das war nämlich, am Thema Gartenarbeit festgemacht, so:

„Kindelein,“, so sprachen wir Eltern, „unser aller Garten verwildert, da müssen wir ran. Der Sommerflieder muss runtergeschnitten, der Rasen gemäht, Brennnesseln gejätet, ein Stück umgegraben und außerdem müssen Straße und Terrasse gekehrt werden. Wer übernimmt was?“

Nach manchmal hitziger Diskussion hatte jeder, auch wir Eltern, eine oder mehrere Aufgaben. Wir gingen zusammen raus, arbeiteten gemeinsam und am Abend wurde gegrillt oder es gab Pizza vom Italiener.

Und was hat das jetzt mit Bedürfnisorientierung zu tun? Immerhin hatten die Kindelein sicherlich nicht das Bedürfnis im Garten zu schuften, sondern hätten doch viel lieber gespielt, gebastelt, sich mit Freunden getroffen?

Nun, das war zuerst mal das Bedürfnis des Gartens. Der musste in Ordnung gebracht werden, damit er weiterhin ein Ort der Freude und Erholung für uns alle sein konnte. Dann war da mein Bedürfnis, dass diese Arbeit zügig verrichtet wird. Nicht von mir alleine, denn es handelt sich ja um unseren Garten und mal ehrlich: alleine würde ich das nicht schaffen. Und das Bedürfnis des Gatten, mit allen gemeinsam etwas zu unternehmen. Das kann auch gemeinsames Arbeiten sein.

Ja, die Kindelein waren nicht begeistert von der Aussicht auf einen langen, arbeitsreichen Tag im Garten und hätten wir uns nach der modernen Bedürfnisorientierung gerichtet, wären wir vermutlich gemeinsam ins Kino gegangen. Das hätte die Kindelein sehr glücklich und zufrieden gemacht und im Kino sieht man ja auch den verwildernden Garten nicht.

Stattdessen haben die Kindelein

– einen ganzen Tag draußen verbracht

– sich körperlich verausgabt

– gelernt, sich bei der Aufgabenverteilung zu einigen

– Zeit mit uns verbracht

– Erfolgserlebnisse nach getaner Arbeit gehabt

– sehr viel über Gartenarbeit gelernt

– sehr viel über Pflanzen und Insekten gelernt

– mit uns am Abend zusammen das besondere (Belohnungs)Essen genossen

– und obendrein eine große Portion „gemeinsam haben wir echt was gestemmt“ bekommen

Ziemlich viel von dem was so ein Kind halt so braucht und lernen können sollte, ziemlich viel Bedürfnisorientierung, nebenbei.

Wir hatten, neben einem ordentlicheren Garten,

– einen wunderbaren Tag mit unseren Kindern verbracht

– viel erzählt bekommen, denn wenn die Hände beschäftigt sind, lockert sich die Zunge

– uns über unsere geschickten, freundlichen Kinder gefreut

Jedesmal wenn ich aus dem Nähkästchen plaudere, nenne ich unser Erziehungskonzept „bestechen, bedrohen, erpressen“, weil das klingt total witzig und provokativ gleichermaßen, doch im Grunde genommen stimmt das natürlich nicht. Wir haben gefordert und verlangt, waren (und sind) nervig und anstrengend. Gleichzeitig haben wir immer erklärt, warum wir alle zusammen für etwas arbeiten. Für _unser_ Haus, für _unseren_ Garten, für _unser_ gemeinsames Leben. Alle packen mit an und hinterher gibt es Kuchen. Oder Eis. Oder einem Film. Oder Döner. Egal, Belohnung und genießen für alle.

Das fing früh an mit „du räumst deine Bauklötze in die Kiste, ich wische Staub. Dann lesen wir ein Buch.“ Ging über „Ihr räumt eure Zimmer auf und saugt sie, ich putze in der Zwischenzeit das Bad und kehre die Treppe.“ Und heute heißt es „Du saugst durch, du gehst mit dem Hund und ich gehe einkaufen.“ Oder wir zählen auf was getan werden muss, und dann suchen wir uns halt etwas aus. Natürlich war das oft ganz platt schlimm verpönte „wenn-dann“-Erziehung, denn manchmal gab es auch kein „dann“, weil das „wenn“ nicht erledigt worden war und dann passt ja „bestechen, bedrohen, erpressen“ wieder.

Wir wollten vermitteln, wie es funktioniert, dass sich alle Familienmitglieder gleich wohl fühlen können. Das klappt nur, wenn die Bedürfnisse eines jeden Familienmitglieds berücksichtigt werden. Nicht zwangsläufig gleichzeitig. Das ist uns, glaube ich, ziemlich gut gelungen. Sagen auch die nun erwachsenen Kindelein.

7 thoughts on “Nähkästchenplauderei

  1. Um ehrlich zu sein: So bin ich (Jahrgang ’92) auch aufgewachsen und erzogen worden und halte das eigentlich auch für den „Normalzustand“. Natürlich hat man als Jugendlicher selten Lust, die Spülmaschine auszuräumen/durchzusaugen/im Garten zu helfen/was auch immer, worum man eben gebeten wird. Meine Mutter hat häufig, ähnlich wie Sie, argumentiert, dass es ihr ja aber auch keinen Spaß machen würde und es ja Dinge wären, die allen nutzen oder von denen alle profitieren, also müsste eben jeder seinen Beitrag leisten. Schmeckte mir und meinen Brüdern natürlich nicht immer und nicht selten fand man es auch im Rückblick noch doof, etwas getan haben zu müssen – aber es hat einen auch nicht umgebracht. Pflichten und unliebsame Aufgaben gehören doch eben dazu zum Leben. Ich frage mich manchmal, ob wir/meine Generation, die eben so aufgewachsen ist, wohl noch so an der modernen Bedürfnisorientierung hängen werden wie die jetzigen jungen Eltern. Ich habe noch keine Kinder, bin mir aber jetzt schon recht sicher, dass meine „Bedürfnisorientierung“ auch eher so aussehen wird wie die Ihre (bzw. die meiner Eltern).

  2. Das klingt nach einem sehr schönen und konsequenten Konzept. Aber was passierte, wenn zwei Kinder mitmachten und eins nicht? Musste das verweigernde dann – überspitzt gesprochen – bei Brot und Wasser darben, während die anderen sich an Pizza und Limo labten? Und wenn ja: Wie hielten Sie es aus, das durchzuziehen?

    • Ich hab jetzt lange nachgedacht, aber ich kann mich tatsächlich an keine Situation erinnern, in der ein Kind nicht mitmachen wollte. Es gab mal Gemurre, aber letztlich war die Ansage „wir alle zusammen“ stärker. Und wenn ein Kind nicht mitmachen konnte, weil nicht daheim oder krank, durfte es trotzdem mitessen 🙂 (wir sind vielleicht fürchterlich strenge Rabeneltern, aber verhungern ließen wir niemanden)

  3. So bin ich (Jahrgang ’52) mit 4 Brüdern auch aufgewachsen und erzogen worden und habe es auch an meine Tochter weitergegeben. Wir hatten einen sicher ähnlich großen Nutzgarten und Obstbäume wie Sie und wurden oft zu Aufgaben eingeteilt. Als die Enkelkinder klein und bei meinen Eltern zu Besuch waren, da sollten sie einmal im Garten abgefallene Äpfel für Apfelkuchen einsammeln. „Keine Lust“, tönte der älteste der Kleinen. Meine Mutter zog die Schürze aus und setzte sich mit der Zeitung ins Wohnzimmer. „Leider gibt es heute keinen Apfelkuchen.“ „Warum denn nicht?“ kam es von den lieben Kleinen. „Keine Lust.“ Noch nie waren die Kleinen so schnell im Garten und mit den Äpfeln wieder zurück.

  4. Ach Frau Mutti,
    gäbe es nur mehr Eltern wie Sie. Als Ausbilder hat man streckenweise sehr viele Prinzen und Prinzessinnen, mit denen man nichts anzufangen weiß.

  5. Bewundernswert! Hier hängt immer, unausgesprochen in der Luft, das ich als Hausfrau, ja viiiiel mehr Zeit hätte und mich neben 3 Kindern wunderbar um Haus, Garten und alles was eben so anfällt kümmern kann.
    Ich finde es toll, das es auch gemeinsam laufen kann und nenne das wirklich Bedürfnisorientierung perfekt umgesetzt!

  6. Liebe Frau Mutti, ich verstehe nicht, warum wenn-dann so böse sein soll. Das ganze Leben ist doch ein einziges wenn-dann. Wenn ich einfach nicht zur Arbeit gehe, wird mein Chef mich wohl feuern. Wenn ich das Katzenklo nicht ordnungsgemäß warte, dann werde ich ein olfaktorisches Wunder erleben, usw…
    Ich bin Berufsschullehrerin und erlebe immer wieder, dass Schüler völlig entsetzt sind, dass sie im Betrieb den ganzen Tag arbeiten sollen (Vielleicht doch ein Fall für den Europäischen Gerichtshof?!) und mitunter auch unliebsame Dinge tun müssen („Aber das macht doch überhaupt keinen Spaß!) Es scheint völlig außer Mode zu sein, dass auch kleine Menschen Pflichten haben.

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