Lechweg 2018 – von Lech nach Gehren (und wieder zurück)

Wanderurlaub bedeutet: nicht ausschlafen, früh los, bevor es heiß wird und damit man die Tagesetappe schafft. Vermutlich. Unsere geplante Tagesetappe war nicht zu lang, Hitze erwarteten wir nicht, wach waren wir trotzdem um sieben. Erfreulicherweise war der Himmel blau, die Sonne schien und immerhin von drinnen sah es nach einem phantastischen Sommertag aus. Als ich mit dem Hund zur ersten Abführrunde rausging, fror ich sehr, die Temperatur lag unter zehn Grad.

Wir frühstückten ausgiebig (Hotelfrühstück, ohne Höhen oder Tiefen) und zogen danach die Wanderklamotten wieder an. Die Regenjacken verstauten wir tief unten im Rucksack und – ich greife vor – dort blieben sie auch.

Es ging ein paar Meter asphaltiert nach oben, bevor wir auf einen schmalen Weg durch Weiden einbogen.

Der Weg schlängelte sich sachte auf und ab, die Sonne begann zu wärmen, der Hund rannte um uns herum und uns war sehr fröhlich zumute.

Bis uns etliche Kühe den Weg versperrten. Links ein Zaun, rechts Wald und der Weg voller Kühe. Mutterkühe mit Kälbern, die uns erst sehr argwöhnisch beäugten und dann, als sie Lola bemerkten, ungehalten wurden. Ungehaltene Kühe sind sehr große, muhende Brocken, die erstaunlich schnell rennen können und deren sanfte Augen gar nicht mehr sanft aussehen. Der Gatte packte den vor Panik durchdrehenden Hund am Gurt und zog ihn durch die immer mehr in Aufruhr geratende Herde. Ich blieb zurück und sah, dass Gatte und Hund das Ende der Weide und somit das rettende Tor erreichten und passierten. Frustrierte, wütende Kühe konnten nicht mehr folgen und drehten deshalb ab, in meine Richtung. Binnen von Sekunden war ich von sehr großen, laut muhenden Kühen umringt. Sie stießen mich mit der Nase an und ich bekam Angst. Keine Panik, aber ich war sicher kurz davor. Keine Ahnung, ob Kühe noch wütender werden, wenn man laut ruft oder in die Hände klatscht, keine Ahnung was passiert, wenn man sie wegstößt. Ich quetschte mich in die Lücken und den Hang hoch, bis ich am Tor stand.

Die Kühe, die das Tor versperrten, warfen Lola noch immer wütende Blicke zu, die restliche Herde drängte sich dahinter. Neben mir Stacheldraht und Elektrozaun, wären mir die Kühe weiterhin auf die Pelle gerückt, wäre ich wohl geklettert.

Rettung nahte aber von hinten. Mehrere Wanderer kamen den Weg entlang und zu fünft gelang es uns dann, die Kühe zurück zu geleiten, so dass wir das Tor passieren konnten.

Wir wanderten weiter und nach hundert Metern musste ich anhalten. Seitenstechen, Angst und Tränen veratmen. Ich mag doch Kühe so gerne! Nie hätte ich gedacht, dass ich mich vor ihnen fürchten könnte.

Ein paar Schritte weiter warnte dann ein Schild: Mutterkühe können sich von Hunden angegriffen fühlen, Achtung! Wir können dies hiermit bestätigen.

Weiterer Kuhherden, denen wir begegneten, umliefen Gatte und Hund weiträumig, während ich therapeutisches Angst-vor-Kühen-verlieren spielte und durch die Herden hindurch marschierte, gänzlich ignoriert von den ausgewachsenen Tieren. Lediglich die Halbstarken kamen neugierig herbeigerannt. Ich mag Kühe jetzt wieder. Lola nicht, aber das ist ja auch in Ordnung.

Der Weg heute war, abgesehen von den wilden Kuhbestien, ein sehr geruhsamer. Es gab ein paar Steigungen mehr, dafür aber keine spektakulären Abhänge. Die Lech floss weit unter uns, nur an einer einzigen Stelle überquerten wir sie. Es ging durch lichte Wälder und am Ende über wunderschöne Wiesen mit Blick auf hohe Berggipfel. Phantastisch!

In Gehren, unserem Etappenziel, kehrten wir noch hier ein:

Sollten Sie dort vorbeikommen und die Terrassen Einkehr ist geöffnet: gehen Sie rein. Lisl kocht regional, bio und mit frischen Kräutern, serviert Quellwasser, ebenfalls mit frischen Kräutern und der Kaffee schmeckt prima!

Wir warteten zwanzig Minuten auf den Bus, der uns zurück nach Lech brachte. Morgen früh fahren wir mit dem Bus wieder an diese Haltestelle und laufen von dort weiter. Unterkünfte gab es zwar in Gehren, doch leider keine, die unseren Hund als Gast erlaubten. Aber die Busse fahren regelmäßig und das ist ja auch alles kein Problem.

Mein Schrittzähler sagt, dass ich heute 19 Kilometer gelaufen bin. Kommt ganz gut hin. Die Etappe morgen ist länger. Dafür soll es auch wieder regnen 🙂

Internationaler Frauentag

Keine Glückwünsche an die Frauen hier, keine flammenden Gleichberechtigungsreden.

Nur ein kleiner Aufruf an uns Eltern: alles was Söhne können, können Töchter auch. Alles was Söhne dürfen, dürfen Töchter auch. Alles was Söhne müssen, müssen Töchter auch.

Es ist doch ganz leicht.

Nicht ganz so leicht, aber lohnenswert ist es, u.a. auf folgende Sprüche zu verzichten:

– ach ja, Mathe hab ich auch nie kapiert

– in den Sportstunden hatte ich immer meine Tage, hihi.

– diese Chemieformeln braucht man nie mehr im Leben

– Physik war für mich auch immer ein Buch mit sieben Siegeln

– Deutsch und Fremdsprachen liegen Mädchen einfach viel besser.

Vielleicht sind das nicht Ihre Sprüche, aber vielleicht die von Großeltern, Freunden, Nachbarn oder auch Lehrern. Mit denen zu streiten hilft meistens wenig, aber den eigenen Töchtern „doch!“ und „Aber!“ beizubringen, das hilft sehr viel.

„Doch!“ und „Aber!“ dürfen Sie übrigens auch Ihren Söhnen beibringen!

*****

Die Frau des Tages für mich:

Sie hat frustrierenden Unterricht in Mathematik und frauendiskriminierenden Unterricht in Physik mit ein wenig Unterstützung von uns überstanden. Hat allen Widrigkeiten zum Trotz Leistungskurse in beiden Fächern belegt und mit Bravour gemeistert. Sie studiert Informationssystemtechnik mit sehr wenigen Kommilitoninnen und wechselt im Herbst in ein duales Studium bei der DLR. Sie wird nicht ins All fliegen, aber vielleicht den nächsten Marsroboter bauen.

Weil sie ziemlich oft „Doch!“, „Aber!“ und „Jetzt erst recht!“ gesagt, geschrieen und geweint hat. Dieser Weg hätte so viel leichter sein können und ich wünsche mir Leichtigkeit für meine Enkelinnen.

Es gibt noch so viel zu schreiben, gerade auch über Söhne, die in dieser Gleichberechtigungswelle beinahe ein bißchen nach Luft schnappen müssen. Heute nicht.

Beginnen wir 2018 mit falschen Entscheidungen

„Es ist ja nur Bauchweh, da muss ich nicht zum Arzt!“, sagte ich am 2. Januar zum Gatten.

„Bauchweh und ein bißchen Fieber, aber wenn ich liege ist es ja ok, ich muss nicht zum Arzt!“, sagte ich am 7. Januar zum Gatten.

„Heute morgen geht es mir schon ein bißchen besser, glaube ich, und außerdem sitzen Montagmorgen immer furchtbar viele Menschen beim Arzt. Aber wenn es mir später schlechter geht, laufe ich direkt zu Dottore!“, sagte ich am 8. Januar zum Gatten.

Und das tat ich dann auch. „Wenn ich hier drücke, tut es weh und wenn ich laufe, dann tut es sauweh. Außerdem hab ich Fieber und wenn ich ganz ehrlich bin, dann tut es sausausauweh.“ Dottore fand das besorgniserregend, denn ich bin kein bißchen wehleidig und schnell Fieber zu haben gehört auch nicht zu meinen Kernkompetenzen. Und weil sein Ultraschallgerät alt ist und nur grisseligen Schnee zeigt, das Labor für eine Blutuntersuchung schon Feierabend hatte und ich wie ein Fragezeichen vor ihm auf dem Stuhl saß, schickte er mich ins Krankenhaus.

„Wenn ich da hinkomme, ziehen die dann die Augenbrauen hoch, weil eine Frau mit „nur“-Bauchschmerzen auf der Matte steht?“, fragte ich Dottore und er erwiderte sehr deutlich, dass ich mit unklarem, akutem Abdomen mit Fieber kein bißchen simulierungsverdächtig oder gar hypochondrisch erscheinen würde. Denn, nochmal ganz ehrlich, aus genau diesen Gründen ging ich nicht früher zum Arzt oder am Wochenende in die Notfallambulanz: sind ja nur Bauchschmerzen, da werde ich ja ausgelacht.

Ich packte mir daheim rasch eine Kliniktasche, so für alle Fälle und stellte mich auf eine sehr lange Wartezeit ein, an deren Ende ich einem gestressten Arzt gegenüberstehen würde, der mich mit meinen „nur“ Bauchschmerzen höhnisch lachend heim schicken würde. Ja, so ticke ich.

In der Uniklinik hatte ich mich noch nicht richtig angemeldet, als ich auch schon zur Blutabnahme geholt wurde. Vor allen anderen im Wartezimmer, das war mir sehr unangenehm und gleichzeitig dämmerte mir, dass „nur“ Bauchschmerzen vielleicht schlimmer sind, als ich das mit meinem profunden Arztserienwissen beurteile. Nicht lange nach der Blutabnahme untersuchte mich eine Ärztin und weil auch der Klinik-Ultraschall ein bißchen grisselig und obendrein auffällig war und auch die Entzündungswerte im Blut sehr hoch, schickte sie mich weiter zum Kontrastmittel-CT.

Dort musste ich dann tatsächlich länger warten, aber Menschen auf Bahren, an denen hektisch Monitore blinken und piepen, lasse ich nur allzu gerne den Vortritt. Und natürlich auch deshalb, weil ein Kontrastmittel-CT des Darms bedeutet, dass dieser mit Kontrastmittel befüllt wird. Nein, das trinkt man nicht, das gibt einen hübschen Einlauf. (den letzten Einlauf habe ich in warmer Erinnerung! Er wurde mir kurz vor der Geburt des Großen verabreicht und als er drin war, sagte die Hebamme: „So, Frau … äh … Mutti, jetzt kniepen sie mal zwanzig Minuten. So lange können sie sich ja in die Wanne setzen.“ Wer jemals einen Einlauf hatte und womöglich sogar alle drei Minuten Wehen dabei, der kann vielleicht nachempfinden, dass ich echt nicht entspannt war.)

Gestern abend war ich auch nicht sehr entspannt, aber was sein muss, das muss halt sein und so ließ ich mir sehr kaltes Kontrastmittel in den Darm einlaufen. Ich wurde in die Röhre geschoben, musste tief einatmen, Luft anhalten und weiteratmen und dann wurde mir noch mehr Kontrastmittel verabreicht, diesmal direkt in die Vene. Das ist nicht nur gemein schmerzhaft, mir wurde augenblicklich sehr, sehr heiß und ich hatte einen widerlichen Geschmack im Mund. Tief einatmen, Luft anhalten, weiteratmen, raus aus der Röhre und mit einem doppelten Salto auf die Toilette, den Schließmuskel entlasten.

Ich durfte mich wieder anziehen und sollte zurück in die Notfallambulanz. Doch vorher fing mich ein hektischer Arzt mit der Frage „Wann waren sie zum letzten Mal bei ihrem Gynäkologen?“ ab. „Vor einem halben Jahr und am Freitag habe ich einen Termin zur Krebsvorsorge, warum?“ An meinem linken Eierstock sei eine sehr große Zyste, ob die damals schon dagewesen sei? War sie nicht und das ist echt doof, weil solch eine Zyste hat mich schon mal zehn Tage in die Klinik gebracht. Aber erstmal egal, ich war ja wegen „nur“Bauchschmerz da, das mit der Zyste sollte ich mit dem Gynäkologen klären.

In der Notaufnahme wartete bereits ein Arzt auf mich, der mich nach allen Regeln der Kunst zusammenfaltete und ausschimpfte, warum ich denn so lange gewartet hätte? Ein Stück des Darms ist entzündet und es gibt freie Flüssigkeit an dieser Stelle. Da müsse man direkt mit Penicillin dran, über Tropf und deshalb muss ich auf die Station und hoffentlich schlägt das an, sonst muss operiert werden und dann hätte ich erstmal einen künstlichen Darmausgang und warum nur sind sie nicht früher zum Arzt, sie haben doch Schmerzen? Und dann nickte ich nur noch und als der Gatte weg war, um mich anzumelden und der Arzt auf seinem schon irgendwie berechtigtem Wutwölkchen davongewirbelt war, musste ich ein bißchen weinen. Es waren doch „nur“ Bauchschmerzen und es fühlte sich noch immer nicht nach mehr an. Schmerzen sind irgendwie nicht so schlimm.

Der Gatte brachte mich auf die Station. Man hängte mir eine Kochsalzlösung, das Penicillin und ein kontinuierlich nachpumpendes Schmerzmittel an den Zugang, Essen und Trinken erstmal verboten.

Als der Gatte weg war und das Schmerzmittel tat, was es sollte, da merkte ich dann, dass ich wohl wirklich krank bin. Erst als die Schmerzen weg waren, habe ich gespürt, wie heftig sie mich gebeutelt haben. Verrückt.

Die Nacht war prima, ich war erschöpft und schlief großartig und heute morgen gab es eine Extradosis Schmerzkiller, die bekomme ich nun alle vier Stunden. Seit der Visite weiß ich nun, dass man mich auf „Divertikulitis*“ behandelt und dass das Penicillin sehr dringend anschlagen muss, sonst komme ich um eine Operation nicht herum.

Ich habe also beschlossen, dass ich jetzt brav gesund werde, schon allein deshalb, weil ich ja am Freitag mit meinem Gynäkologen die Zystensache klären muss.

Und jetzt: gesund schlafen! Bis bald, immer die Ihre. Schön, dass Sie (wieder) da sind.

*ich bin zu jung, zu schlank, zu sportlich für diese Erkrankung, aber ich hab ja schon immer ein Faible dafür, mich nicht an die Vorgaben zu halten.