Ladendienstag

Dreieinhalb Stunden lang habe ich heute erneut Weihnachtsschnickeldi bruchsicher verpackt. Diesmal im Weltladen. Und damit der Einkauf von neuen Weihnachtsartikeln im August etwas planvoller stattfinden kann, haben Oma Eis und ich sehr säuberlich notiert, wovon wir wieviel haben und was wir auf gar keinen Fall mehr bestellen müssen, weil wir früoh sind, dass der Bestand nun endlich bei Null liegt. Fünf Umzugskisten voller Weihnachtsartikel habe ich vor dem ersten Advent im Weltladen verteilt, ein einizger Karton wurde mit Restbeständen für nächstes Weihnachten voll. Entweder haben wir bei der Auswahl des Sortiments genau die Geschmacksnerven der Kundschaft getroffen oder das Geld saß sehr locker. Oder beides.

Jetzt ist der Laden ziemlich kahl und das darf natürlich so nicht bleiben. Deshalb haben wir heute im Anschluss an jede Menge Räumerei und Putzerei Osterartikel aus den Katalogen ausgewählt. Das macht mich ein klitzekleines Bißchen kirre, aber so ist das halt, der Einkauf muss geplant sein und die Ware muss rechtzeitig im Lager stehen.

Neben der Räumerei und Dekoriererei findet natürlich auch der reguläre Verkauf auf und es zeigt sich immer wieder sehr deutlich, wie sehr ein Supermarkt in der Ortsmitte fehlt. Die großen Märkte am Ortsrand sind für die Senioren nur schwer zu erreichen und das nimmt ihnen nicht nur die Möglichkeit einzukaufen, sondern kappt auch jede Menge soziale Kontakte. Zu unseren Stammkunden gehören mittlerweile sehr viele alte Menschen, die Kaffee, Tee oder Schokolade bei uns kaufen und obendrein einfach nur ein Schwätzchen halten wollen. Das ist gleichermaßen schön wie herzzrerreißend, denn unsere Lebensmittel sind natürlich teurer als die im Supermarkt und somit für schmale Rentengeldbeutel nicht wirklich erschwinglich. Am Weltladen hängt das Schild „Fachgeschäft für fairen Handel“, doch er ist halt noch viel mehr als das, er versucht ein bißchen so zu sein, wie diese Tante-Emma-Lädchen waren.

Tja. Und wie lange dieser Weltladen noch existiert, das ist beinahe abzusehen. Wir haben keine „Geldsorgen“. Die Miete ist gering, die Nebenkosten auch. Der Umsatz ist stabil, sogar steigend. Doch die MitarbeiterInnen werden immer älter. Drei sind über achzig, ein davon fällt nun wegen Demenz aus. Die anderen Mitarbeiterinnen marschieren fröhlich auf die siebzig zu oder sind schon drüber. Die paar Jüngeren (zu denen ich mit fast fünfzig gehöre!) sind voll berufstätig und knappsen sich eben ein bißchen Zeit ab. Die Arbeit ist ehrenamtlich und sehr wahrscheinlich werden die finanziellen Mittel des Ladens nie für eine festangestellte Kraft reichen, obwohl das kurz angedacht war. Ehrenamtlicher Nachwuchs findet sich nicht. Weltläden sind altmodisch geworden, beinahe das gesamte fair gehandelte Lebensmittelsortiment findet sich in Supermärkten, ist alltäglich geworden.

Gegründet wurde der Weltladen von Schülern, Studenten und Auszubildenden, das Ganze war politisch motiviert und beinahe ein bißchen rebellisch. Heute ist die politische Arbeit im und um den Weltladen in den Hintergrund gerückt und eben für Jugendliche langweilig. Schade, aber völlig verständlich. (ich würde als Jugendliche auch nicht mit diesen ganzen alten Leuten zu tun haben wollen)

Ich hoffe, der Laden hält sich noch ein paar Jahre!

5 thoughts on “Ladendienstag

  1. Eine tolle Sache, das mit dem Laden. Und es wäre schade, wenn das irgendwann unterginge. Könnte man nicht mit den Lehrern sprechen, ob man ein Schulprojekt daraus machen könnte? So a la „lernen fürs Leben“, „wirtschaftliche Grundkenntnisse“, „angewandte Entwicklungshilfe“ oder so etwas in der Art?
    Ich bin jetzt eher zufällig hier gelandet und habe keine Ahnung, wo Du lebst, aber vielleicht wäre das ja eine Idee.
    Schöne Grüße
    Kristin

    • Wir haben regelmäßig Schülerpraktikanten im Laden, Lehrer kommen mit Schulklassen, Konfirmanden machen ihren Freiwilligendienst, hängen bleibt keiner. SO schade!

  2. Das hoffe ich auch für euch ! Bei uns in der ländlichen Umgebung ist ja alles eine Stufe kleiner, die Probleme jedoch die gleichen. Wir haben einen Schenkladen gegründet, der allerdings nur einen Nachmittag in der Woche geöffnet hat, bei Anfrage und Bedarf auch mal zusätzlich. Die Gemeinde stellt uns zwei Räume zur Verfügung und Menschen aus der Umgebung bringen guterhaltene Dinge wie Kleidung, Spielsachen, Bücher und vieles mehr, andere stöbern nach Schätzchen und werden fündig, es findet ein ständiger Austausch statt. Es gibt alles umsonst, wir haben aber auch einen kleinen Spendenbär, denn manche Menschen fühlen sich wohler, wenn sie etwas beitragen können zur Verbesserung der Ausstattung z.B.
    Und wie du schreibst, es ist auch immer ein Treffpunkt zum Austausch, eben nicht nur von Materie, sondern auch Informationen, Ideen und eine Kontaktbörse für *wer-braucht-was*
    Ich finde, dies wäre eine nützliche Einrichtung für jede Gemeinde.
    Uns jedenfalls macht es viel Freude und wir feiern bald unser drittes Jahr 🙂
    Herzliche Grüße von Gabriela

  3. Ach Mensch, das ist schade.

    Vielleicht nicht hilfreich, aber: Würde vielleicht ein Aushang oder ein wenig Werbung helfen?
    Als ich nach dem Studium (vor 5 Jahren) „nur“ eine Teilzeitstelle gefunden habe, sucht ich nach Freiwilligenarbeit, der ich meine zusätzliche freie Zeit widmen konnte. Durch einen Zufall kam ich an einem Oxfam-Laden vorbei, in dessen Fenster nach Freiwilligen gesucht wurde. Nach einem kurzen Gespräch wurde ich mit Kusshand genommen und habe dort 3 Jahre lang gearbeitet, bis ich (Vollzeitanstellung sei Dank) keine Zeit mehr hatte. Die nächstältere Mitarbeiterin war ebenfalls Anfang 50, aber ich fand es super, dort etwas sinnvolles zu tun, hätte aber ohne einen Aushang nie gewusst, dass es „sowas“ überhaupt gibt. 🙂

    Ich drücke die Daumen, dass es dem Lädchen noch lange Zeit gut geht!

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